Bach - ein musikalisches Exlibris-Kryptogramm
in Notenschrift


Für einen Exlibriskünstler ist es nicht immer einfach, die Vielzahl an biographischen Hinweisen wie Beruf, Neigungen oder Hobbys des Auftraggebers unter einen Hut zu bringen. Immer wieder möchten Eigner ihr Exlibris auch als Hommage an eine Person aus Literatur, Kunst oder Musik verstanden wissen.
 
Für den Künstler gibt es viele Möglichkeiten, diesen Wunsch zu erfüllen, sei es durch ein Portrait der verehrten Person, durch ein Zitat aus ihrem Werk oder, wenn es sich um einen Musiker handelt, etwa durch Notenzeilen aus ihrem Werk. Eine interessante Form, einem Komponisten und Musiker seine Reverenz zu erweisen, findet sich in musikalischen Exlibris, in denen eine Notenfolge, als kleinsten musikalischen Zusammenhang, - das Motiv - eine weitere Information beinhaltet, nämlich den Namen der verehrten Person.

So demonstriert die Notenfolge B-A-C-H nicht nur die Musikliebe des Eigners, sondern verweist, liest man die Noten als Buchstaben, auch auf den Namen des besonders geschätzten Komponisten: Johann Sebastian Bach. Das Rätsel-Spiel mit den Noten B-A-C-H geht auf den Komponisten selbst zurück. Johann Sebastian Bach selbst hat ein Präludium mit Fuge über seinen Namen geschrieben (BWV 898), und seither gibt es eine unglaubliche Anzahl von Kompositionen, die ihm zu Ehren seinen Namen als musikalisches Motiv verwenden. So ist es nur allzu verständlich, daß auch Exlibris-Sammler mit diesem musikalischen Kryptogramm auf ihre Verbundenheit mit Bachs Musik aufmerksam machen.

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist das Exlibris für Hermine Freiberger von Hans Schaefer. Die Radierung zeigt das Portrait von J.S.Bach, umrahmt von der Initiale F mit der berühmten Notenzeile links oben. Der Text "Zum Frohen Ereignis 1963" spielt auf die Geburt von Hermine Freibergers Tochter Edith im selben Jahr an. Die in München geborene Hermine Freiberger sang im Münchner Bach - Chor unter der Leitung von Karl Marx. Obwohl sie keine professionelle Gesangsausbildung hatte, durfte sie auch Solopartien übernehmen. Einige Jahre vor dem 2. Weltkrieg übersiedelte sie nach Bayreuth und nahm 1951 als Mitglied des Chores an der Wiedereröffnung des Bayreuther Festspielhauses mit Beethovens 9.Symphonie durch Wilhelm Furtwängler teil. Mit großer Freude sang sie noch viele Jahre im Sonderchor der Festspiele unter Hans Knappertsbusch und Wolfgang Sawallisch. Als Mitglied des Kittelchores lernte sie dort Betty Schaefer, die Gattin des Exlibris-Künstlers Hans Schaefer, kennen. Aus dieser gemeinsamen Tätigkeit entwickelte sich eine langjährige Freundschaft, und ihr Exlibris ist wohl in dieser Zeit entstanden.

Das Exmusicis für die Grazerin Inge Ertel gestaltete der bekannte steirische Künstler Hans Hauke. Frau Professor Ertel studierte Orgel und Klavier und unterrichtete 42 Jahre am Grazer Konservatorium Klavier, Allgemeine Musiklehre, Satzlehre und Musikalische Grundausbildung für Kinder. Die Notenfolge B-A-C-H schwebt als Hommage an den großen Komponisten über einer Orgel.

Zwei schöne Musik-Exlibris entstanden auch für Alexander Wunderer, den bekannten Oboisten der Wiener Philharmoniker. Eines davon schuf Willy Stukhard, hauptberuflich Flötist des Bühnenorchesters der Staatsoper und "Edelsubstitut" der Wiener Philharmoniker, das zweite stammt aus der Hand Hans Ranzonis d.J., und ist ein wunderbar zarter Stich, typisch für den Stil der Coßmann-Schule. Die berühmte Notenzeile B-A-C-H umschlingt wie ein Band ein nicht weniger berühmtes literarisches Zitat aus Goethes Faust II, darüber verweisen Wiesenblumen, Heckenrosen und Disteln auf die Naturverbundenheit des Eigners. Prof. Alexander Wunderer, geboren am 11.4.1877 in Wien, wurde im Alter von nur 23 Jahren in die Staatsopernkapelle und in die von Gustav Mahler geleitete k.u.k. Hofmusikkapelle, die 1908 als Verein der Wiener Philharmoniker bestehen blieb, aufgenommen. Diesem Orchester diente er von 1923 bis 1932 auch als Vorstand, ab 1932 dann als Ehrenvorstand. Drüber hinaus war Wunderer Mitglied der Bläservereinigung der Wiener Philharmoniker, Professor an der Musikakademie in Wien, Mitbegründer und Leiter der Bachgemeinde. Ein Ölbild von Ludwig Michalek im Archiv der Wiener Philharmoniker zeigt den Musiker mit seiner Oboe. Im Hintergrund des Gemäldes ist - wieder eine Verneigung vor dem großen Komponisten - ein Portrait von J.S.Bach zu sehen. Alexander Wunderer starb am 29.12.1955.

Die raffinierteste und für Laien sehr schwierig zu entschlüsselnde Darstellung des Namens "Bach" - nämlich mit einer einzigen Note - findet sich auf dem Exlibris von Carl Friedrich Mistlbacher für Robert Aschauer. In einem medaillonartigen Rahmen wird von links nach rechts im Violinschlüssel das H durch das Vorzeichen b zum B. Von oben nach unten ist im Tenorschlüssel das A, von rechts nach links im Altschlüssel das C dargestellt. Und von unten nach oben kann der Betrachter im Violinschlüssel das H lesen.
Das Kryptogramm wird von den Wurzeln eines hochgewachsenen Baumes umschlossen - Symbol nicht nur für die Hochachtung, die J.S.Bach bei Musikern und Komponisten genoß und genießt, sondern auch Zeichen dafür, daß sie Bachs Werk als Vorbild und Nährstoff für eigenes Schaffen begreifen. Über den Künstler und dem Exlibriseigner sind dem Autor keine Daten bekannt.

Prof. Jean.Marie Meignien lebt in Troyes/Frankreich und ist Organist der Kirche St-Martin-les-Vignes. Die im Exlibris abgebildete Orgel dieser Kirche hat 4 Manuale, 42 Register und 2907 Pfeifen und wurde von Damien
Doublet 1539 erbaut. Erst nach vielen Umbauten, Renovierungen und Restaurierungen (1794, 1842, 1880, 1970) sieht sie so aus, wie Charles Favet (1899-1982) sie in Holz (Op. 511) gestochen hat.


Prof. Meignien war schon als Kind musikbegeistert (schrieb Richard Meignien). Er hat in einem Chor den Psalm 113b gesungen, dessen lat. Text das Exlibris von links nach rechts umrankt. "Non nobis, domine, non nobis: Sed nomini tuo da gloriam - Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre!" (Buch der Psalmen, Altes Testament)

Er hat im Conservatoire National de Musique in Paris studiert und war später als «Maître de Chapelle» im «Institut Grégorien» tätig. Die "Choralnoten" im Exlibris links oben sind eine Erinnerung an diese Zeit. Prof. Dr. Karl Schnürl schreibt über diese Notenzeile: Was die Noten in der linken Ecke des Ex Libris Meignien betrifft, so handelt es sich dabei um sog. "römische Choralnoten" auf vier Linien mit einem c-Schlüssel auf der 4. Linie. Die "Quadratnoten" der neueren Choralausgaben (seit ca. 1901) sind keine korrekten Quadrate, sondern leicht nach oben gebogen. Der Zeichner des Exlibris hat diese Krümmung noch ein wenig übertrieben oder "stilisiert", daher haben die Zeichen fast die Form von Haken. Die Tonfolge ist typisch für den Beginn einer Melodie im ersten Kirchenton ("dorisch"), die Töne sind: c-d-d-a-b-a. Vor die Note h im dritten Zwischenraum sollte ein Vorzeichen b stehen, das im Exlibris weggelassen ist. Die ersten beiden Töne sind meist zusammenhängend geschrieben (als Ligatur oder "Neume", zweitönig und absteigend auch "Pes" genannt).

Rechts oben ist unverkennbar die berühmte B A C H Notenzeile und der Stern in der Mitte symbolisiert "Maria", für den Vornamen Jean-Marie.

 

Zum Abschluß einige Beispiele aus über 100 bekannte Kompositionen über die Tonfolge B-A-C-H, zitiert nach Klaus Schneider:

Bach, Carl Philipp Emanuel: Fuge über B-A-C-H. Für Orgel. (In: B-A-C-H. Fugen der Familie Bach. Hrsg. von T. Fedtke). Peters, Frankfurt/M. 1984.

Bach, Johann Christian: Sonate für Violine und Klavier B-dur, op.10. Hinrichsen, Ed., London. (Das Kopfthema der Sonate ist J.S.Bachs Partita Nr. 1 in B-dur für Klavier BWV 825 entnommen.)

Beethoven, Ludwig van: J.S.Bach-Fuge b-moll aus dem 1. Teil des Wohltemperierten Klaviers BWV 867. Bearbeitet für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli, Hess Nr.38. (In Beethoven: Supplemente zur Gesamtausgabe,Bd.6 Hrsg. von Willy Hess.) Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963.

Hindemith, Paul: Sonate für Orgel Nr.2 (1937). Schott, Mainz. (Im 3.Satz "Fuge" erscheint das B-A-C-H-Thema in den Takten 32-34 im Bass und in den Takten 70-71 im Alt.)

Reger, Max: Phantasie und Fuge für Orgel über B-A-C-H in Noten ausgeschrieben, op. 46. Universal Edition 1984 Wien.

Schumann, Robert: 6 Fugen über den Namen B-A-C-H, für Orgel oder Pianoforte mit Pedal, op. 60, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden.

Literatur:

Smend, Friedrich: Johann Sebastian Bach, bei seinem Namen gerufen. Bärenreiter-Verlag Kassel und Basel, 1950.

Schneider Klaus: In honorem J.S.Bach. Musikalische Huldigungen für Johann Sebastian Bach in Form von Variationen, Bearbeitungen und Kompositionen über die Tonfolge B-A-C-H, in Musik und Kirche, Heft 5/1986, Bärenreiter Verlag, Kassel und Basel.

Schnürl, Dr.Karl: Notenschrift als Musiksymbol und Ornament, in Biblos, Beiträge zu Buch, Bibliothek und Schrift. Herausgegeben von der österreichischen Nationalbibliothek, 45,1. Wien 1997, Böhlau Verlag Wien-Köln-Weimar.

300 Jahre Johann Sebastian Bach, Ausstellungskatalog Stuttgart. Verlag Hans Schneider, Tutzing 1985.

Ohne die Hilfe von Dr. Otto Biba, Prof. Kurt Haider, Dr. Clemens Hellsberg, Dr. Claudia Karolyi, Dr. Thomas Leibnitz, Herrn Bernhard Paul und Dr. Karl Schnürl hätte dieser Artikel nicht entstehen können.

Der Autor ist für jeden weiteren Hinweis auf Exlibris mit der B-A-C-H Notenzeile dankbar.

 

Peter Rath

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